Opfer von Krieg und Gewalt

Praxisbeispiel Opferentschädigung

„Das Wichtigste ist ein guter, verlässlicher Ansprechpartner“

Junge Frau legt tröstend den Arm auf die Schulter einer anderen Person, (c) Halfpoint/adobe.stock.c

"Im Jahr 2000 bin ich Opfer eines schweren Kapitalverbrechens geworden. Von meinem früheren Lebensgefährten wurde ich in der eigenen Wohnung mit 34 Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Meine beiden Kinder im Alter von 1 und 2 Jahren mussten die Tat mitansehen, sie leiden bis heute darunter. Nach mehreren lebensrettenden Operationen, vielen Wochen auf der Intensivstation und in der Klinik, bin ich schwer traumatisiert und im Rollstuhl sitzend nach Hause entlassen worden.

An eine Berufstätigkeit war nicht mehr zu denken. Da ich mich zu diesem Zeitpunkt im Erziehungsurlaub befand, bekam ich weder Krankengeld noch Sozialhilfe. Meine Angehörigen hatten zwar einen Antrag auf Opferentschädigung gestellt, doch die Entscheidung zog sich lange hin, weil die Gerichtsverhandlung erst ein halbes Jahr nach der Tat stattfand.

Unter dem Einfluss schwerer Medikamente, wie Opiate und Psychopharmaka, verstand ich überhaupt nicht, worum es ging. Die Aktion „Bürger für Mitbürger“, meine Eltern und die wenigen guten Freunde, die einem nach so einer Tat bleiben, bezahlten meinen Lebensunterhalt und sorgten für meine Kinder. Es brauchte 6 Jahre, bis ich wieder einigermaßen zurechtkam, allerdings bin ich mit erheblichen Einschränkungen schwerbehindert geblieben.

Im Jahr 2004 wendete sich das Blatt, ich bekam eine neue Sachbearbeiterin in der Hauptfürsorgestelle. Sie brauchte ganze 2 Jahre um das Vertrauen, welches durch sämtliche beteiligten Ämter, Behörden und durch den Arbeitgeber zerstört war, in sehr empathischen, vorsichtigen Gesprächen wieder aufzubauen. Durch ihre Hilfe gelang es mir, neuen Mut zu fassen und meine berufliche Tätigkeit wiederaufzunehmen.

Sie unterstützte eine 2-jährige Eingliederung in den Betrieb mit erheblichen finanziellen Mitteln, verhandelte mit Vorgesetzten, stellte den Kontakt zum Integrationsfachdienst her und begleitete mich mit langen Telefonaten, um mir immer wieder Mut zuzusprechen, beispielsweise als der Arbeitgeber mir sagte, ich wäre zu behindert und solle kündigen.

Neben einer behinderungsgerechten Ausstattung am Arbeitsplatz verhalf mir die Sachbearbeiterin der Hauptfürsorgestelle auch zu Fortbildungen, um mit gesunden Kollegen gleichziehen zu können. Durch die Finanzierung eines Fahrzeugs konnte ich nicht nur Dienst zu ungünstigen Zeiten übernehmen, sondern auch leichter die physiound psychotherapeutische Behandlungen erreichen, die weit außerhalb meines Wohnortes liegen.

Die Hilfe zur Weiterführung des Haushalts ermöglicht es mir bis heute meinem Beruf nachzugehen. Anders würde ich die Doppelbelastung aufgrund meiner Einschränkungen nicht schaffen. Durch diese direkten Hilfen gelang es mir, mich nach und nach zu stabilisieren und beruflich wieder Fuß zu fassen.

Dank der Erziehungsbeihilfen konnten meine Kinder auf weiterführende Schulen gehen und eine Ausbildung nach ihren Wünschen absolvieren. Dies wäre mir allein finanziell nicht möglich gewesen, da der Täter nie Unterhalt gezahlt hat. Beiden Kindern steht heute eine gute berufliche Zukunft bevor: Mein Sohn ist dieses Jahr zum Möbelbau- Tischler frei gesprochen worden, meine Tochter beginnt, nach bestandenem Abitur, gerade ein duales Studium.

Nützlich war auch die Vermittlung von Kontakten, etwa zur orthopädischen Hilfsmittelversorgung. So konnte ich nach der letzten großen Operation 2018 endlich über all die Hilfsmittel verfügen, die ich brauche, um mich möglichst selbständig versorgen zu können. Auch wäre ich ohne meine Sachbearbeiterin nie darauf gekommen, dass ich Anspruch auf eine Erholungshilfe habe.

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle noch einmal, wie wichtig es ist, einen guten und verlässlichen Ansprechpartner zu haben! Das Gelingen der Eingliederung in das Berufsleben und auch in die Gesellschaft steht und fällt mit demjenigen, der am anderen Ende der Leitung ist. Für traumatisierte Menschen ist es nicht einfach sich zu öffnen und über ihre Nöte zu sprechen, so dass Hilfen auch richtig eingesetzt werden können. Aber noch schwieriger muss es für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der zuständigen Behörden sein, sich in das „verrückte“ Innenleben eines Betroffenen einzufühlen und mit den richtigen Schritten und Hilfen den Weg zurück in ein lebenswertes Leben zu ebnen. Dafür sind meine Angehörigen und ich der Hauptfürsorgestelle Hildesheim sehr dankbar."

Familie K. aus Niedersachsen

 

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